What Lies Beneath - Menswear

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JOOP! Menswear Frühjahr/Sommer 2010

FORMAL

Inspiration

Hollywood stellt den Glamour aus. Das grelle Scheinwerferlicht erlaubt perfekte Konturen, makellose Garderobe und scharfe Schlagschatten. Je stärker der Traum leuchtet, umso weniger zeigt er – von der Welt um den Glamour, der Düsterkeit hinter dem Götzenkult. Erst auf der Straße der Finsternis, auf dem Mulholland Drive, kommen die Schatten zu ihrem Recht. Im Nachtschutz wohnen der Exzess, die Hingabe und das Verlangen. Durch diese Welt wandert, wen der Abgrund hypnotisiert und der Irrsinn berauscht. Hier blüht der diskrete Genießer auf, er verfügt über genug Urteilsvermögen und Männlichkeit, besitzt Entschlossenheit und Vergnügungserfahrung. Er stellt die Linearität von Gedanken in Frage, setzt das Leben auf seine Art zusammen und erlebt Sinnlichkeit – als Ergebnis von Orpheus’ Schattenwelt und Kaliforniens Hedonismuskult.

Silhouetten und Styles

Der Glanz von Tinseltown suggeriert Pracht und Macht, in seiner Kleidung schafft er Distanz und weckt Begehrlichkeiten. Ein neuer Star, ein neuer Stil: Wer versteckt sich unter dem schlanken Trenchcoat mit der hohen Taille, wer verhüllt sich in der Caban-Regenjacke mit dem tiefen Revers? Verführung sitzt unter der Oberfläche. Hemden mit enger Knopfleiste gießen den Körper in Form, definieren ihn. Blousons und Parkas blasen die Silhouette auf, loten neue Präsentationsformen aus – mit diagonal verlaufenden Nähten. Strickpullover in Übergröße ziehen die Körperpartien auseinander. Der Anzug zurrt Verführung und Diskretion ein: das klassische Sakko sitzt an der Taille, das Revers schneidet tief in die Brust ein, der Hosensaum rückt leicht nach oben, die Fußweite verengt sich. Moderne Klassik zelebrieren Strick- und Jerseymodelle.

Materialien
Wer im Licht funkelt, verleiht sich Understatement im Schatten: Schwere und leichte Baumwolle dominieren, Leinen vermischt sich ein wenig mit Wolle – und gelegentlich zieren grafische Muster die Kleidung. Vereinzelt brechen Nylons mit Memoryeffekten die strenge Wahl auf. So unterstützt der Stoff die Idee von Virilität.

Farben
Alles ist erleuchtet – in natürlichen Farben. Ein helles Weiß strahlt Klarheit aus, ein Methylblau spricht von Konsequenz, ein Feuerrot vermittelt Exaltiertheit. Grau verstärkt in unterschiedlichen Tönen das Gewicht des Zwielichts, Und alle setzen eines voraus: gedankliche Bereitschaft, das Leben zu genießen.

CASUAL

Inspiration

Ruhe gilt als trügerisch, Zwang als anfechtbar. Denn wo offen Trägheit herrscht, gedeiht still Frivolität. Der erste Schritt um auszubrechen ist die Bewegung. Der Körper genießt Freiheit, der Geist Offenheit. Freizeit heißt: Frei sein von Konventionen. Souveränität speist sich aus Selbsterkenntnis – Geheimnisse zu akzeptieren, Fantasien zu tolerieren. Das Labyrinth der Leidenschaften öffnet sich, aus gezielten Gedanken formen sich verschwommene Bindungen, aus Klarheit wird Transzendenz. Dionysos erobert den Sunset Boulevard. Endlich! Liebhaber fahren durch fahles Licht, ohne Rücksicht auf die Zeit, ohne Angst vor dem Verlust, ohne Ahnung vom nächsten Morgen. Der Strand funktioniert als Ort der Einheit von Passion und Reflektion. Und so fühlt sich der Mann wie der letzte Tycoon:  allmächtig, unbesiegbar, teuflisch – und immer in Bewegung.

Silhouetten and Styles
So wie die Begierde neue Formen sucht, geht die Gestaltung neue Symbiosen ein. Sportliche Elemente wirbeln erprobte Kleidungsstücke auf: Blousons kehren in gewaschener Optik zurück, Anoraks werben mit kunstvollen Steppungen, Caban-Regenmäntel fallen mit schrägen Nähten auf. Chinohosen erweitern ihren Definitionsradius: von Pyjamaweite bis Röhrenenge. Jeans übernehmen dieselben Schnittvorgaben. Stricksachen verlängern den Oberkörper, befeuern eine neue Freiheit der Silhouette – und sorgen für eine sauber austarierte Elaboriertheit. So siegt die Kunst der Bequemlichkeit. Denn wer niemals rastet, sucht Saloppheit.

Materialien
Lässigkeit kommt von innen – als Ausdruck eines Selbstbewusstseins. Und von außen manifestiert sie sich in bewährten Stoffen: Baumwolle und Leinen bestimmen das Outfit, mal fest gewoben, mal elegant eingenäht. Modernität klingt in federleichten Nylonstoffen an, Unangepasstheit wirkt in groben Jeansstoffen nach. Raue Oberflächen runden den stofflichen Wunsch nach Insignien der Kantigkeit ab.

Farben
Das Wesentliche zählt in der Farbgebung. Von erdigen Naturtönen reicht die Palette über klare Grund- bis hin zu aufblühenden Monofarben. Wichtig ist: Der Gesamteindruck wirkt organisch. Wer auffällt, stimmt klug aufeinander ab – und bestimmt die Leidenschaft seines Auftretens nach Maßstäben der Farbenlehre.